Historischer Rückblick und Entwicklung zur Sozialen Marktwirtschaft

Was waren die theoretischen Überlegungen und Grundlagen bei der Entwicklung und Umsetzung zu einer „Sozialen Marktwirtschaft“ und wer waren die geistigen Väter?

Die Prinzipien und die theoretischen Ausgangspunkte zur „Sozialen Marktwirtschaft“ nach Ludwig Erhard waren die Lehren von Adam Smith (1723 – 1790), der allgemein als der Vater der „Klassischen Nationalökonomie“ gilt. Diese Lehren bildeten die Grundlagen für ein Konzept zu einer marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung (Ordoliberalismus), wie es in den 1930er Jahren von der sogenannten „Freiburger Schule der Nationalökonomie“an der Universität Freiburg entwickelt wurde.

Während der NS-Zeit bildete sich  aus der Gruppe der Wissenschaftler der „Freiburger Kreis“, der in einer Arbeitsgemeinschaft seit 1943 Überlegungen für eine künftige deutsche Wirtschaftsordnung nach dem Krieg anstellte. Die überlebenden Mitglieder dieses Kreises übten einen großen Einfluss auf die Nachkriegsordnung aus – besonders auf die Wirtschaftsverfassung – und leisteten damit wesentliche theoretische Vorarbeiten für die später eingeführte soziale Marktwirtschaft der Bundesrepublik Deutschland.

Ein prominenter Vertreter dieses Freiburger Kreises und Gründer der Freiburger Schule war Walter Eucken, durch dessen  Veröffentlichungen sich Ludwig Erhard später u.a. im Zusammenhang mit seiner Einstellung und seinem Kampf zur Auflösung von Kartellen inspirieren ließ. Leider scheiterte er damit am Widerstand von Adenauer und Industrielobbyisten.

Aus dem pädagogischen Bedürfnis heraus, eine geschlossene Darstellung des Wirtschaftsverlaufes zu skizzieren und gleichzeitig auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Krise der damaligen Zeit eingehend, schrieb Wilhelm Röpke 1937 sein Buch „Die Lehre von der Wirtschaft“. Mit diesem, im türkischen Exil geschriebenen Werk, schuf Röpke die theoretische Grundlage für seine späteren wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Publikationen, die Ludwig Erhard noch vor Ende des zweiten Welt-krieges über verborgene Kanäle erwarb und mit deren Ideen er völlig übereinstimmte. Er fühlte sich in seinen eigenen marktwirtschaftlichen Anschauungen durch Röpkes Schriften leidenschaftlich bestärkt, ohne dessen Ideen jedoch vollständig und unkritisch zu übernehmen.

In fünf veränderten und vermehrten Auflagen hat Wilhelm Röpke bereits zwischen 1937 und 1948 in seinem, nach dem Urteil vieler Fachleute als „schlechthin besten national-ökonomischen Lehrbuch für Studenten und gebildete Laien“ bezeichneten Buch, einen als „Dritten Weg“ genannten Begriff eines freien Wirtschaftssystems geprägt.

Freiheit und Befehl – zwei Möglichkeiten eines  Wirtschaftssystems oder ein „Dritter Weg“ zur „Sozialen Marktwirtschaft“ Ludwig Erhards.

(Prof. Dr. Wilhelm Röpke „Die Lehre von der Wirtschaft“  – Kursivschrift Zitate)

Freiheit – das heißt die strenge und mit erstaunlicher Regelmäßigkeit arbeitende Ordnung durch den freien Markt mit seinen frei beweglichen Preisen.

Befehl –aber bedeutet jene Wirtschaftsordnung, in der Ordnung und Antrieb in die Hand des bewusst ordnenden, planenden, antreibenden, befehlenden und seine Befehle erzwingenden Staates gelegt sind.

Marktwirtschaft nennen wir das eine; Kommandowirtschaft, Planwirtschaft, Zentral-verwaltungswirtschaft, kollektivistische (sozialistische) Wirtschaft das andere ….

.

…. Preis oder staatlicher Befehl, Markt oder Behörde, Wirtschaftsfreiheit oder Bürokratie – dazwischen haben wir zu wählen. Aber nachdem wir beide Systeme ausprobiert haben, wissen wir nur zu gut, dass wir im Grunde keine Wahl mehr haben. Es hat sich herausgestellt, dass wir Menschen des Abendlandes nicht die Freiheit haben, uns für ein kollektivistisches System zu entscheiden, da es kein funktionierendes Ordnungs- und Antriebssystem verbürgt, das mit Freiheit und internationaler Gemeinschaft vereinbar wäre.

Es bleibt nur die Marktwirtschaft. Wer aber Marktwirtschaft sagt, sagt: freie Preisbildung, Konkurrenz, Verlustrisiko und Gewinnchance, Selbstverantwortung, freie Initiative, Privateigentum.

Diese Wahl – und damit kommen wir zum Kernpunkt zurück – bedeutet aber mitnichten das, was man sich früher unter „freier Wirtschaft“ oder „Kapitalismus“ vorgestellt hat. Die Neuorientierung der Wirtschaftspolitik – in einer Richtung, die vom Verfasser als „Dritter Weg“ bezeichnet wird – besteht gerade darin, dass der sozialistische Weg als ungangbar erkannt wird, ohne dass wir deshalb auf die alte ausgefahrene Straße des „Kapitalismus“ zurückkehren. Die neue Richtung, die uns zu einer natürlichen Ordnung führen soll, ist durch drei Punkte festgelegt. Zum ersten sind wir uns heute darüber einig, dass eine wohlgeordnete Marktwirtschaft, wie schon bemerkt, eines festen Rahmens bedarf, der dem Staat bedeutende Aufgaben stellt: eines gesunden Geldsystems und einer klugen Kreditpolitik, die zugleich eine wesentliche Quelle von Wirtschaftsstörungen verstopft; eines wohldurchdachten Rechtssystems, das den Missbrauch der Marktfreiheit nach Möglichkeit ausschließt und dafür sorgt, dass man zum Erfolg nur durch das schmale Tor der Leistung eintreten kann; einer Fülle von Maßnahmen und Einrichtungen, die die zahlreichen Unvollkommenheiten der Marktwirtschaft tunlichst vermindern…. .

… Damit kommen wir zu den übrigen drei Hauptfragen, von denen wir ausgegangen sind. Da ist einmal die Sozialfrage. Sie bedeutet, dass wir mit der Ordnung im großen noch nicht zufrieden gestellt sind, sondern uns auch eine gewisse Korrektur der durch die Marktwirtschaft bewirkten Verteilung, die Sicherheit und den Schutz der Schwachen angelegen sein lassen. Weder aber brauchen wir um der Sozialpolitik willen die Ordnungspolitik zu opfern noch die Sozialpolitik um der Ordnung willen. Da ist ferner die politische Frage der Machtverteilung. Auch sie ist, von der Ordnungsfrage zu trennen, aber es ist zu beachten, dass es sich hier um eine Frage handelt, die die Marktwirtschaft bereits weitgehend löst, wenn sie als eine echte Wettbewerbswirtschaft organisiert wird, in der keine wirtschaftlichen und damit auch keine politischen Machtstellungen gedeihen können.

Da ist letztens die von uns genannte moralisch-vitale Frage. Damit ist folgendes gemeint: Es ist sehr wichtig, dass wir eine wohlgeordnete, eine ergiebige und eine gerechte Wirtschaft haben, es ist mindestens genauso wichtig, zu fragen, wie es dabei den Menschen moralisch, geistig und in allen denjenigen Beziehungen geht, die den eigentlichen Sinn seines Lebens und die Voraussetzung seines Glücks ausmachen. ….“

Wenn Ludwig Erhard als Vater der sozialen Marktwirtschaft bezeichnet wird, ist das nicht ganz richtig bzw. gibt dies nicht das volle Copyright wieder. Urheber des Begriffs und Mitbegründer der „Sozialen Marktwirtschaft“ war Alfred Müller-Armack. Von ihm stammt auch des große „S“ im Begriff. Mit 25 Jahren bereits außerordentlicher Professor an der Universität Köln, wurde er 1940 ordentlicher Professor und Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Münster. Hier übernahm er Beratungsaufgaben für das NS-Regime und die Wehrmacht, schloss sich aber später vertraulichen Gesprächskreisen der Wirtschaft an, in denen man nicht unbedingt vom „Endsieg“ des Deutschen Reiches ausging. Hier traf er auf Ludwig Erhard und arbeitete an einem Konzept für eine Wirtschaftsordnung nach dem Kriege mit. Ab 1952 arbeitete er im Wirtschaftsministerium unter Ludwig Erhard als Leiter der Grundsatzabteilung mit. Bei seiner theoretischen und praktischen Weiterentwicklung der Sozialen Marktwirtschaft erweiterte er auch erheblich die Gedankenwelt Ludwig Erhards.

Ludwig Erhards gesellschaftspolitische Grundüberzeugung sah immer den Menschen – das Individuum – im Mittelpunkt. Er betrachtete die Lehren von Karl Marx und anderer Kollektivisten als Utopie, die praktisch umgesetzt in die Diktatur führen würden.

Ebenso lehnte er den Laissez-faire-Kapitalismus ab, da dieser in seiner Geschichte zur Ausbeutung der Menschen missbraucht worden war und unter dem profitgierige Geschäftsleute Unternehmer und Unternehmen ausgepresst hatten.

„Demokratie und freie Wirtschaft gehören logisch ebenso zusammen wie Diktatur und Staatswirtschaft.“ (Zitat Erhard)

Fortsetzung folgt.

Quellen:

Wilhelm Röpke – Die Lehre von der Wirtschaft

Alfred C. Mierzejewski – Ludwig Erhard/Der Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft

Ludwig Erhard – Wohlstand für alle

MIT – Der Ludwig-Erhard-Zitatenschatz

Wikipedia

Mittwoch, 22.Mai 2019, 14:26 Uhr
zurück