Ludwig Erhard – „Vater des deutschen Wirtschaftswunders“ – Biografisches

Soweit man Ludwig Erhard und seine politische Leistung respektvoll mit dem Prädikat „Vater des deutschen Wirtschaftswunders“ versah, wies er dies in der Regel mit der Erklärung zurück, dass die Erfolge seiner Politik kein Wunder, sondern Resultat einer gut bedachten Konzeption und konsequenter Politik seien.

Neben der im vorigen Kapitel meiner Ausführungen zur Sozialen Marktwirtschaft beschriebenen Befruchtung durch die Lehren von Walter Eucken, Wilhelm Röpke und nicht zuletzt Alfred Müller-Armack war es seine Grundeinstellung zu einem verantwortungsvollen, freiheitlichen und christlichen Menschenbild, die in der Kernaussage mündete:

„Ich will mich aus eigener Kraft bewähren, ich will das Risiko des Lebens selbst tragen, will für mein Schicksal verantwortlich sein. Sorge du, Staat, dafür, dass ich dazu in der Lage bin.“ (Zitat Ludwig Erhard)

Wer wie ich die Stimme Ludwig Erhards noch im Ohr hat, hört in seinem fränkischen Dialekt seine Herkunft heraus. Am 4. Februar 1897 in Fürth geboren, absolvierte er von 1913 bis 1916 eine kaufmännische Lehre bei einem Textilwarengeschäft in Nürnberg.
1916 meldete sich Erhard aus Patriotismus zum Militärdienst und wurde zum Richtkanonier ausgebildet. 1918 von einer Granate schwer verwundet blieb er bis 1919 im Krankenhaus. Jahre später, 1929 erklärte ihn das Versorgungsamt Nürnberg zu 25 bis 30 Prozent für erwerbsunfähig und gewährte ihm eine Rente. Während seiner Genesung erkannte Erhard, dass seine Welt zusammengebrochen war und Deutschland sich für immer verändert hatte.
Als er hörte, dass in Nürnberg eine Handelshochschule eröffnet wurde, in der kein Abitur Voraussetzung für eine Aufnahme war, schrieb er sich nach dem Besuch einer Probevorlesung in dem Fach Volkswirtschaft ein. Nach einigen Semestern erkannte Erhard sein Interesse an wirtschaftstheoretischen Fragen, insebsondere an geld- und währungspolitischen. 1922 legte er sein Examen mit dem Titel Diplomkaufmann ab.

Dem Gründer der Handelshochschule Nürnberg Professor Wilhelm Rieger verdankte Ludwig Erhard nach eigener Aussage seine liberalen wirtschaftlichen und politischen Überzeugungen und die Erkenntnisse zum Preismechanismus, dass der Marktpreis der einzige gerechte Preis war und dass Firmen dazu da waren, Geld zu verdienen. Ferner, dass Risiko ein wesentlicher Bestandteil der Wirtschaft war und dass Industrieorganisationen wie Kartelle dazu gedacht waren, den Wettbewerb auszuschalten.

Rieger war es auch, der Erhard half, sich im Jahr 1922 an der Universität Frankfurt am Main für die Promotion einzuschreiben und den neuen Professor für Wirtschaft und Soziologie Franz Oppenheimer als Doktorvater und lebenslangen Freund zu gewinnen.
1925 schloss Erhard sein Studium der Wirtschaftswissenschaften und Soziologie mit der Promotion zum Dr. rer.pol. ab.

1923 heiratete Ludwig Erhard die verwitwete Jugendfreundin Luise Schuster und trat wegen Arbeitslosigkeit 1925 ohne großes Interesse als Geschäftsführer in den elterlichen Betrieb ein. Erhard war erleichtert, als sein Vater das Ausstattungsgeschäft 1928 aus Altergründen aufgab.

Vermutlich waren es wieder die Professoren Rieger und Oppenheimer, die ihm 1928 eine Halbtagsstelle als Forschungsassistent an dem Institut für Wirtschaftsbeobachtung der deutschen Fertigwaren in Nürnberg vermittelten. Sie kannten den Leiter des Instituts
Wilhelm Vershofen, aus der Halbtagsstelle wurde sehr schnell eine Vollzeitbeschäftigung als Assistent und später als stellvertretender Leiter. Erhard fing an zu publizieren, arbeitete an der Gründung einer Zeitschrift mit und verfasste 1931 eine Habilitationsschrift, in der er sich mit dem zeitgenössischen Problem der Arbeitslosigkeit auseinandersetzte.
Da Erhard sich weigerte, der NSDAP beizutreten und sich dem NS-Dozentenbund anzu-schließen, war dies wohl der Grund, dass seine Habilitation nie angenommen wurde.Damit war sein Traum von einer Professur und einer akademischen Laufbahn gescheitert, zumal er auch keinen Hehl daraus machte, dass er die Wirtschaftspolitik der radikalen Rechten ablehnte.
Die Arbeit am Institut führte ihn oft nach Berlin, hier lernte er Carl Friedrich Goerdeler, General Ludwig Beck, Karl Blessing und den Politologen Theodor Eschenburg kennen. In dieser Zeit der Begegnungen in Berlin traf er auch auf Alexander Rüstow, einen vehemen-ten Verfechter der freien Marktwirtschaft, der wenig später aus Deutschland emigrierte und eine Professur an der Universität in Istanbul annahm. Ein enger Freund Rüstows, Wilhelm Röpke folgte ihm und schrieb 1937 im Exil sein Buch „Die Lehre von der Wirtschaft“ (siehe Teil 2 – Historischer Rückblick …“). Erhard kannte Röpkes Schriften, traf ihn aber erst 1948 persönlich.
Im Oktober 1942 schied Ludwig Erhard aus dem Vershofen-Institut aus, neben theoretischen und philosophischen Differenzen spielte bei seinem Abschied eine maßgebliche Rolle, dass er sich standhaft weigerte, in eine NS-Organisation einzutreten. Erhard konnte jetzt unabhängiger seine Meinung äußern, doch musste er auch seinen Lebensunterhalt sichern. Freunde aus der Industrie stellten Mittel zur Verfügung und ermöglichten ihm dadurch, das Institut für Industrieforschung zu gründen. Seine Förderer baten ihn 1943 eine Analyse der nötigen Schritte zu verfassen, um die deutsche Wirtschaft zurück zu einer Produktion in Friedenszeiten ohne Einfluss der NSDAP zu führen. Dies war riskant, weil es gegen den Führererlass zum Totalen Krieg vom 25. Januar 1942 verstieß, der jede Nachkriegsplanung untersagte. Anfang 1944 bat Goerdeler seinen Freund Erhard um ein Exemplar seiner Studie und erhielt sie auf normalem Postweg. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli vernichtete Erhard alles belastende Material und traf Vorkehrungen, sich zu verstecken. Er blieb jedoch unbehelligt und warb bereits Ende 1944 erneut für seine marktwirtschaftlichen Vorstellungen.

Mit Ende des Krieges im Mai 1945 hielt sich Erhard in Fürth auf. Er hatte mit NS-Verbre-chen nichts zu tun, hatte nicht dem gesellschaftlichen und kulturellen Zeitgeist des Kaiser-reiches vor 1914 gehuldigt und in der Weimarer Republik war er ebenfalls abseits der wichtigsten Denkströme geblieben. Ludwig Erhard blieb immer ein unabhängiger Denker. So hatte der zukünftige „Vater des deutschen Wirtschaftswunders“ eine gute Ausgangs-position, um Einfluss auf die Debatte über die Umgestaltung Deutschlands zu nehmen, die 1945 begann.

„Resignation vermag das Schicksal nicht zu wenden; es gibt grundsätzlich keine wirtschaftliche Situation, aus der nicht Wille und Vernunft Auswege und Wege zu neuem Aufstieg finden lassen“
(Zitat Ludwig Erhard aus „Gedanken aus fünf Jahrzehnten“)

Fortsetzung folgt.
Quellen:
Alfred C. Mierzejewski – Ludwig Erhard/Der Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft
Ludwig Erhard – Wohlstand für alle
MIT – Der Ludwig-Erhard-Zitatenschatz
Montag, 23.September 2019, 16:56 Uhr
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